Bauernhofspaziergang bei Alois Kiegerl

19.8.2026, 14:00 bis 18:00 Uhr:
Warum sind Kühe gut für die Biodiversität?
Am Hof von Alois Kiegerl
Warum Kühe gut für die Biodiversität sein können, zeigte Alois Kiegerl anhand seiner Murbodner-Rinder, die den Sommer auf den Weiden rund um seinen Hof in der West-Steiermark verbringen. Gemeinsam mit den Teilnehmer*innen gingen wir der Frage nach, welche Rolle Weidetiere für die Biodiversität spielen und warum eine abgestufte Grünland-Bewirtschaftung wertvolle Lebensräume entstehen lässt. Vom Tal bis hinauf auf die Alm lernten wir unterschiedliche Wiesen und Weiden und deren Besonderheiten kennen. Dabei wurde deutlich, warum Alois Kiegerl seine Bewirtschaftungsweise als „essbaren Naturschutz“ bezeichnet: Hochwertige Lebensmittel und Biodiversität gehen hier Hand in Hand. Begleitet wurde der Spaziergang von Botaniker Maik Pressnitz.
Zum Nachlesen
Abgestuftes Grünland für Artenvielfalt und Leistung
Biodiversitäts-Botschafter Alois Kiegerl bezeichnet seine Bewirtschaftungsweise als „essbaren Naturschutz“ – und was er darunter versteht, wurde an diesem Nachmittag unmittelbar erlebbar. Begleitet wurde die Gruppe von Botaniker und Naturschutzexperte Maik Preßnitz, der mit seinem Wissen über die Region immer wieder auf besondere Pflanzen, Lebensräume und ökologische Zusammenhänge aufmerksam machte.
Alois bewirtschaftet insgesamt 47 Hektar Nutzfläche für seine Murbodner-Rinder, verteilt auf 28 Feldstücke. Um sämtliche Flächen zu bewirtschaften, nimmt er teilweise Wege von bis zu 30 Kilometern in Kauf. Die Flächen könnten dabei unterschiedlicher kaum sein: Magerwiesen, Hutweiden und Streuobstwiesen finden sich ebenso wie intensiver genutzte 3-Schnitt-Wiesen. Entsprechend unterschiedlich ist auch die Bewirtschaftung – nicht jede Fläche wird gleich gedüngt, gemäht oder beweidet. Welche Nutzung sinnvoll ist, richtet sich nach den jeweiligen Standortbedingungen, Boden, Hanglage und Bewirtschaftbarkeit. Gerade diese Vielfalt ermöglicht es, auf den unterschiedlichen Flächen sowohl hochwertiges Futter zu erzeugen als auch wertvolle Lebensräume für zahlreiche Pflanzenarten zu erhalten.
Gleich zu Beginn des Spaziergangs besuchte wir eine steile, zweimähdige Hangwiese, die Alois wenige Tage zuvor gemäht hatte, um seinen Futtervorrat aufzustocken. Alois erklärt: „Für den Ackerbau wäre diese Fläche wenig interessant und aufgrund ihrer Hanglage nur schwer zu bewirtschaften. Auch die Grünlandbewirtschaftung stellt hier immer wieder eine Herausforderung dar: Während es in diesem Jahr zu trocken war und wir noch nicht die notwendige Futtermenge ernten konnten, gab es in anderen Jahren so viel Niederschlag, dass die Fläche nicht befahren werden konnte.“
Gerade auf dieser Wiese wurde jedoch eindrucksvoll sichtbar, welchen Wert solche Standorte für die Biodiversität haben. Waldränder, Versamungsstreifen und vielfältige Strukturen umrunden die Fläche. Maik zeigte unter anderem Echtes Johanniskraut, Flockenblumen, Wiesenknopf und Wiesenthymian und machte damit den Artenreichtum der Fläche unmittelbar erlebbar. Insgesamt finden sich hier rund 50 bis 60 verschiedene Pflanzenarten – unter den regionalen Standortbedingungen entspricht das bereits dem möglichen Maximum. Gleichzeitig wurde am Waldrand deutlich, dass die Bewirtschaftung solcher Flächen auch Herausforderungen mit sich bringt. Problemarten wie Adlerfarn oder Berufskraut breiten sich auch aus. Für Alois steht daher fest: „Wenn diese Flächen keiner mehr bewirtschaftet, ist fraglich, wie diese Wiesen als Grünland erhalten bleiben“, erklärt er.



Biodiversität braucht Bewirtschaftung
Maik erläuterte, dass die höchste Artenvielfalt im Grünland nicht unbedingt dort entsteht, wo der Mensch möglichst wenig eingreift. Vielmehr braucht es ein mittleres Maß an Störung, beispielsweise durch eine regelmäßige, aber nicht zu intensive Mahd oder Beweidung. Während die höchsten Erträge meist mit intensiverer Nutzung und höherer Nährstoffzufuhr erreicht werden, nimmt unter diesen Bedingungen die Biodiversität deutlich ab.
Grünland zählt in Europa zu den artenreichsten Ökosystemen. Selbst auf einer dreimähdigen Wiese können noch rund 10 bis 15 Pflanzenarten pro Quadratmeter vorkommen. Der Betrieb von Alois zeigt damit eindrucksvoll: Landwirtschaft und Naturschutz sind keine Gegensätze. Entscheidend ist wie, wo und mit welcher Intensität eine Fläche bewirtschaftet wird.
Die breite Verteilung seiner Flächen sieht Alois auch als Stärke seines Betriebes. Gerade angesichts zunehmender Wetterextreme können die Bedingungen regional stark variieren. Während eine Fläche unter Trockenheit leidet, kann es sein, dass es in einer anderen Region nur ein paar Kilometer entfernt es noch ausreichend Niederschläge gibt. Steigende Kosten für Futterzukauf, Pacht- und Transportkosten sowie gleichzeitig sinkende bzw. unsichere Vermarktungspreise sieht er mit Sorge: „Gerade für viele kleinere Nebenerwerbsbetriebe könnte sich dadurch die Frage stellen, ob die Bewirtschaftung noch wirtschaftlich möglich ist. Wenn solche Betriebe aufgeben, geht jedoch nicht nur landwirtschaftliche Produktion verloren – mit ihnen verschwinden auch jene Bewirtschaftungsformen, die über Generationen hinweg artenreiche Wiesen, Weiden und Kulturlandschaften erhalten haben. Damit steht auch wieder ein wichtiger Teil unserer Biodiversität auf dem Spiel.“



Mutterkuhhaltung und extensives Rindfleisch
Danach ging es weiter zum Hof und Stall. Dort berichtete Alois über seine Mutterkuhhaltung sowie über die Schlachtung und Vermarktung seiner Tiere. Jährlich werden rund 20 Rinder über Styria Beef und weitere zehn Tiere direkt ab Hof vermarktet. Eine Besonderheit ist die teilmobile Schlachtung, die im Rahmen eines LEADER-Projekts gemeinsam mit Berufskollegen vor einigen Jahren umgesetzt wurde. Ziel ist es, den Tieren eine möglichst stressfreie Schlachtung zu ermöglichen. Bei der Zucht legt Alois großen Wert auf gesunde Tiere sowie auf eine gute Fleischqualität. Zunehmend setzt er dabei auf genetisch hornlose Nachzucht.
Die Nachfrage nach seinem Fleisch insbesondere in der Direktvermarktung entwickeln sich positiv. Für Alois und seine Frau Alexandra ist es wichtig, den Konsumentinnen und Konsumenten und den Gästen ihres Urlaub am Bauernhof-Betriebs zu vermitteln, warum der schlechte Ruf der Kuh nicht gerechtfertigt ist. Gerade extensiv wirtschaftende Rinderbetriebe können aus dem vorhandenen Grundfutter hochwertiges Fleisch erzeugen, eine tiergerechte Fütterung und Haltung garantieren und schließlich eine stressfreie Schlachtung ermöglichen und gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Kulturlandschaft leisten.
Dabei sind Investitionen in Stall, Maschinen und Schlachttechnik gerade für kleinere Betriebe eine große Herausforderung. Alois betont deshalb die Bedeutung von Kooperation und Gemeinschaft: „Nicht jeder Betrieb muss alle Lösungen alleine schaffen – gemeinsam lassen sich auch größere Investitionen realisieren.“



Rinder als Landschaftspfleger auf der Alm
Zum Abschluss ging es hinauf auf die Alm zur Bärentalhütte, wo sich derzeit der Großteil der Rinder befindet. Als Mitglied einer Gemeinschaftsalm bewirtschaftet Alois gemeinsam mit rund 40 anderen Betrieben rund 500 ha Almfläche. Indem ein Teil seiner 70-80 Murbodner Rinder den Sommer auf der Alm verbringt, sorgt Alois dafür, dass wertvolle Almflächen in den Natura 2000-Gebiet offengehalten werden und damit wertvolle Lebensräume und z.B. Pflanzen wie der Bürstling, Orchideen-Arten uvm. erhalten bleiben. Hier wurde besonders deutlich, welche wichtige Funktion die Tiere für die Landschaftspflege übernehmen. Durch ihre Beweidung halten sie die Flächen offen und verhindern, dass diese innerhalb weniger Jahre verbuschen und wieder zu Wald werden würden.
Dann entdeckte die Gruppe auch noch ein besonderes Highlight: ein Niedermoor, in dem sich das Wasser des Ursprungs der Schwarzen Sulm sammelt. Die sumpfige Landschaft bietet Lebensraum für eine einzigartige Pflanzenwelt mit Torfmoosen, Sauergräsern und Igel-Segge.
Damit wurde am Ende des Spaziergangs noch einmal sichtbar, was „essbarer Naturschutz“ bedeutet: Die Bewirtschaftung durch Rinder trägt dazu bei, wertvolle Lebensräume und Landschaften zu erhalten – und ermöglicht gleichzeitig die Produktion hochwertiger Lebensmittel. Landwirtschaft und Naturschutz müssen gemeinsam gedacht werden und wer die Natur schützen will, sollte auch für diese Art der Rinderhaltung einstehen. Viele artenreiche Wiesen, Weiden und Almlandschaften sind erst durch eine angepasste landwirtschaftliche Nutzung entstanden und können nur durch diese langfristig erhalten bleiben. Kühe sind Förderer der Biodiversität: Wo sie standortangepasst gehalten und Flächen extensiv beweiden, können sie zu wichtigen Landschaftspflegern werden. Der Nachmittag in der Weststeiermark machte deutlich, dass Biodiversität, Tierhaltung, Lebensmittelproduktion und der Erhalt unserer Kulturlandschaft gut zusammenpassen– vorausgesetzt, die Bewirtschaftung orientiert sich an den jeweiligen Standortbedingungen. Alois gibt seine Erfahrungen und Ansichten auch im Buch „Über die Alm“ und einer Landwirt-Podcast-Folge weiter.